‚‚Ich müsste mein Leben umkrempeln’’ - von Hannah Peters und Moritz Hütten
Die 22-jährige Europakandidatin Stefanie Hähnlein im Gespräch mit zwei Erstwählern
Der Europawahl fiebern junge Menschen nicht gerade entgegen.
Europapolitik, das ist für die meisten Jugendlichen ein Buch mit sieben Siegeln. Hannah Peters (18) und Moritz Hütten (18) dürfen am Sonntag zum ersten Mal ihr Kreuz machen. Vorab wollten sie noch einige Fragen klären. Darum haben sie sich mit jemandem unterhalten, der altersmäßig auf ihrer Wellenlänge liegt - Stefanie Hähnlein (22) aus Tübingen ist die jüngste deutsche Kandidatin, die für das europäische Parlament kandidiert. Die Grünen schicken sie auf Platz 25 ins Rennen.
Frage: Am Sonntag wird das Europäische Parlament gewählt. Viele junge Menschen wie wir dürfen zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Warum sollte es sich lohnen, zu dieser Wahl zu gehen? Um ehrlich zu sein, so richtig spannend ist diese Wahl ja nicht gerade.
Antwort: Das kann man so nicht sagen. Erst mal ist es einfach
Bürgerpflicht, wählen zu gehen. Außerdem beeinflusst die Europapolitik viele Alltagsbereiche. Mehr als 80 Prozent unserer Gesetze werden auf europäischer Ebene vorbestimmt. Dazu gehören Bereiche wie Umweltschutz, gemeinsamer Binnenmarkt und auch Bildungspolitik. Besonders für junge Leute ist der Bildungsbereich interessant, da die EU Schüler- und Studentenaustauschprogramme wie etwa Erasmus fördert und die
Studienmöglichkeiten im Ausland ausweitet.
Frage: Trotzdem, schaut man auf die bisherige Wahlbeteiligung, so scheint die Europawahl nicht nur bei uns keine allzu große Begeisterung hervorzurufen.
Antwort: Das Problem ist, dass sich die Politik schlecht verkauft. Ich denke, dass man den Menschen die Politik näher bringen muss. Viele haben deshalb kein Interesse, weil ihnen die politischen Diskussionen zu kompliziert erscheinen und diese zu wenig in der Öffentlichkeit stattfinden. Das, was noch am ehesten durchdringt, sind die negativen Schlagzeilen.
Frage: Stimmt, das Europäische Parlament ist weit weg, hat kaum etwas zu sagen, und die Abgeordneten schieben eine ruhige Kugel und leben in Saus und Braus.
Antwort: Das ist eine übertrieben negative Sichtweise. Schon heute geht ein Großteil der EU-Beschlüsse durch das Parlament und mit der geplanten Europäischen Verfassung soll die Rolle des Parlaments noch weiter gestärkt werden. Sicherlich gibt es auch im Europäischen Parlament schwarze Schafe, doch die negative Darstellung in den Medien steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Situation. Deshalb finde ich es wichtig, dass die positive Arbeit des Parlaments den Menschen bewusster und verständlicher gemacht wird. Denn das grundlegende Interesse an Europa ist schon vorhanden, das merke ich oft auf Infoveranstaltungen und Podiumsdiskussionen.
Frage: Sie kandidieren auf der Liste der Grünen für das Europäische Parlament. Wie kam es zu dieser Aufstellung?
Antwort: Ich wollte nicht mehr bloß versuchen, den Menschen den Sinn der Europapolitik zu vermitteln, sondern ich wollte auch direkt etwas bewirken, mitentscheiden und Europa mitgestalten. Die Entscheidung, für einen Listenplatz zu kandidieren, fiel dann mehr oder weniger spontan auf dem Dresdener Bundesparteitag im vergangenen Winter. Dort stellte sich heraus, dass drei Plätze der Wahlliste, auf der Frauen kandidieren müssen, noch unbesetzt waren. Also ließ ich mich aufstellen und wurde
mit eindeutiger Mehrheit gewählt.
Frage: Hat es nicht vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass eine Partei wie die Grünen bei jeder Wahl eine junge Vorzeigekandidatin braucht?
Antwort: Nein. Ich denke, dass ich gewählt wurde, weil ich die Leute überzeugen konnte. Obwohl, es stimmt sicherlich, dass besonders die Grünen gerne eine junge und weibliche Abgeordnete im Europäischen Parlament sehen würden. Aber mein Alter war dieses Mal sogar eher ein Problem. Vor fünf Jahren stellten die Grünen die jüngste Abgeordnete in Straßburg, die dann später die Fraktion wechselte. Daher hat das Vertrauen in jüngere Kandidatinnen und Kandidaten in letzter Zeit eher
nachgelassen. So kann man fast schon sagen, dass ich trotz meines Alters gewählt wurde.
Frage: Ihre Chancen, über den 25. und letzten Listenplatz ins Parlament einzuziehen, sind gleich null. Wie groß ist die Gefahr, als Listenfüller verheizt zu werden?
Antwort: Das ist eine Gratwanderung. Dass ich auf der Europaliste stehe, ist ein Erfolg. Nur sollte ich mich, wenn ich auf Dauer eine politische Karriere anstrebe, nicht zu häufig auf aussichtslosen Listenplätzen aufstellen lassen. Andererseits ist dieser erste Listenplatz ein guter Anfang, um in Zukunft bessere Plätze beanspruchen zu können.
Frage: Angenommen, die Grünen bekommen überraschend so viele Stimmen, dass Sie doch ins Europäische Parlament gewählt werden. Was ändert sich dann für Sie?
Antwort: Dann müsste ich von heute auf morgen mein ganzes Leben umkrempeln. Ich würde ganz schnell nach Brüssel fahren und mir eine Wohnung suchen. Dort spielt sich der Hauptteil der Arbeit ab, denn die Plenarsitzungen in Straßburg finden nur einmal im Monat statt. Mein Studium müsste für fünf Jahre pausieren. Das wäre auf jeden Fall ziemlich überraschend für mich, denn mit einem Leben als Vollzeitpolitikerin habe ich mich noch gar nicht wirklich auseinander gesetzt.
Hannah Peters und Moritz Hütten sind für die Stuttgarter Zeitung und die Europäische Bewegung Deutschland als Europorter im Einsatz. Sie berichten in unregelmäßigen Abständen auf der Jungen Szene über Europa. Das Europorter-Projekt wird von der Europäischen Kommission und vom Auswärtigen Amt unterstützt.
Dieser Artikel erschien in der Stuttgarter Zeitung.



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