Auftritt: Gerhard Schröder - von Moritz Hütten
Was einem durch den Kopf geht, wenn man den Kanzler trifft
Ein Treffen mit dem Kanzler höchstpersönlich - so ein Ereignis malt man sich in den schillerndsten Farben aus. Doch nach einem kurzen Zusammenstoß mit Gerhard Schröder bleibt die Erkenntnis: Auch die mächtigsten Männer sind Normalsterbliche. Ein Besuch im Kanzleramt.
Einmal im Zentrum der Macht stehen, wer möchte das nicht? Eine Besichtigung des Kanzleramts in Berlin könnte für diesen Wunsch eine gute Gelegenheit bieten. Und wenn einem dabei sogar in Aussicht gestellt wird, dem Kanzler höchstpersönlich die Hand schütteln zu dürfen, wer hofft da nicht, dass ein bisschen vom Glanz des Großen und Mächtigen auf einen überspringt?
‚‚Der Kanzler interessiert sich für unser Projekt’’, hieß es in der Ankündigung für das Europorter-Seminar in Berlin. Und so waren wir eingeladen zu einem Besuch in Deutschlands wichtigstem Gebäude. Nicht ohne Grund präsentiert sich der als ‚‚Elefantenwaschmaschine’’ verschriene Kanzlerpalast um einen Tick monumentaler als die übrigen Regierungsgebäude. Wir hatten also jeden Grund, gespannt zu sein, wie es wohl dort aussieht, wo die wichtigen Entscheidungen für unser Land getroffen werden.
Empfangen wurden wir dann sofort von zwei hochrangigen Europa-Experten des Kanzlers, die uns ein wenig von ihrer Arbeit erzählten. Zum Glück wurde uns das mit der Hochrangigkeit erst später langsam klar, denn sonst hätten wir die beiden sicherlich nicht so hemmungslos in eine ziemlich lebendige Diskussion zum Thema verwickelt. Die Experten allerdings machte unsere Neugier ein wenig nervös - denn immer häufiger betonten sie, dass alles Gesagte ‚‚doch bitte unter uns bleiben soll’’, und sie zuckten jedes Mal zusammen, wenn jemand mit dem Kuli spielte. Plötzlich fühlten wir uns nicht mehr nur als neugierige Schüler, sondern fast schon wie einflussreiche Journalisten.
So geht es eben zu im Kanzleramt. Die haben dort wohl ihre Gründe, mit Besuchern misstrauisch zu sein. So mussten wir nicht nur am Eingang eine Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen - egal wohin wir gingen, uns folgte die ganze Zeit ein grimmig dreinblickender Sicherheitsmensch.
Mit ihm im Schlepptau durften wir uns schließlich auf die Suche nach dem Kanzler machen. In einem runden Aufzug fuhren wir ganz nach oben in die Kanzleretage. Staatsgäste sollen beim Aufzugfahren schließlich nicht in die Verlegenheit kommen, in der Ecke stehen zu müssen. Während sich die Staatsgäste dann normalerweise geradewegs zu einem 90-minütigen Plausch - so verlangt es das Protokoll - ins Kanzlerbüro im siebten Stock begeben, bogen wir noch zu einem eindrucksvollen Blick in den Kabinettssaal ab. Dort hatte vor einigen Stunden noch der Kanzler mit all seinen Ministern die aktuellen Themen diskutiert. Aber man konnte sich kaum vorstellen, dass in diesem Raum vor kurzem noch gearbeitet wurde: Alles war akkurat aufgeräumt, nagelneue Blöcke und gespitzte Stifte lagen millimetergenau ausgemessen an jedem Platz.
Dann kam der große Augenblick: Auftritt Gerhard Schröder. Eineinhalb Minuten Fototermin. Ziemlich locker schüttelte er jedem die Hand. ‚‚Den Mädels zuerst’’, sagte er und lächelte in unserer Mitte dreimal in die Kamera. ‚‚Tschuldigung, aber ich hab noch viel zu tun’’, sagte Gerhard Schröder dann - und schwupps machte er sich, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf wieder aus dem Staub. Enttäuscht waren all die, die sich erhofft hatten, ein wenig mit dem Kanzler plaudern zu können.
In Erinnerung an den kurzen Zusammenstoß mit Gerhard Schröder blieben, zumindest den Mädchen, nur die ‚‚schönen blauen Augen’’ und die alte Erkenntnis, dass auch die Großen und Mächtigen in Natur nur wie ganz Normalsterbliche wirken.
Die letzte Tür zum Innersten der Macht blieb dann aber auch für uns verschlossen. Das Büro des Kanzlers war nicht zu besichtigen. Als Ersatz gab es wenigstens eine kleine Anekdote, was uns dort auf der Fläche einer Fünf-Zimmer-Wohnung erwartet hätte: Alle Büros im Kanzleramt sind bewusst kleiner als 100 Quadratmeter. Der wichtigste Staatssekretär bekommt symbolische 99 Quadratmeter - aber 100 Quadratmeter, die gebühren nur dem Kanzler.
Moritz Hütten ist für die StZ und die Europäische Bewegung Deutschland als Europorter im Einsatz. Das Europorter-Projekt wird von der Europäischen Kommission und vom Auswärtigen Amt unterstützt.
Erschienen in der Stuttgarter-Zeitung.



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