21.06.2004

BLAUER BRIEF - von Elisabeth Rank

Europäer brauchen ein Wir-Gefühl

 

Stell dir vor es ist Europa-Wahl und keiner geht hin. Ganz so schlimm war es am 13. Juni nicht aber trotzdem war die Wahlbeteiligung erschreckend gering. In Deutschland lag sie bei 43 Prozent der Wahlberechtigten. In meinem Wahllokal in Berlin-Mitte lächelte der Wahlhelfer halb erleichtert, halb erschrocken, als ich zur Tür hineinkam. Für jeden Wähler machte er einen Strich auf seinem Papier. Am späten Nachmittag waren es noch nicht einmal fünfzig.

Auf einer Wahl-Party am Abend im Paulinenhof versuchte Gesine Schwan (die SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten) die geringe Wahlbeteiligung damit zu erklären, dass die Bürger die Verantwortlichkeiten nicht zuordnen können. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Jugendliche Europa in ihren Alltag nicht einordnen können. Sie wissen nicht, dass die Landstraße, auf der sie fahren, aus EU-Fördermitteln finanziert ist. Sie heben beim Urlaub im Ausland Geld ab und zahlen dafür kaum Gebühren. Dass auch solche Errungenschaften auf die EU zurückgehen, wissen sie nicht.

 

Zum Teil mag das an der geringen Präsenz der EU in den Medien liegen. Aber auch der Europa-Wahlkampf der Parteien zielte viel zu sehr auf innenpolitische Themen ab. Wie soll sich da ein europäisches Bewusstsein entwickeln? Schon mit innenpolitischen Themen können die meisten Jugendlichen wenig anfangen. Von den Politikern fühlen sie sich unverstanden und gehen deshalb nicht zur Wahl. "Es gibt eh keine Partei, die meine Interessen vertritt", ist eine weit verbreitete Meinung.

 

Die enttäuschende Wahlbeteiligung zeigt, dass Europa noch nicht in den Köpfen der Bürger angekommen ist. Die EU greifbar zu machen, sollte nun verstärkt die Aufgabe der Politiker sein. Es bleibt zu hoffen, dass dann 2009 ein deutlich größerer Anteil der über 338 Millionen Europäer wählen gehen wird. Schließlich geht es darum, ihre gemeinsame Zukunft zu gestalten, den Frieden zu sichern und endlich ein Wir-Gefühl jenseits der nationalen Grenzen zu entwickeln.

 

Artikel in der Berliner Zeitung.

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