05.07.2004

DRIBBELPARLAMENT - von Elisabeth Rank

Was Politiker brauchen, ist ein Trikot

 

Abends hatte man in den letzten Wochen fast immer eine Beschäftigung, denn es war Fußballzeit. Ab 20 Uhr versammelte man sich in Cafés oder vor heimischen Fernsehern. Emsig wurden Bierkisten geschleppt und die Schminke der Freundin auf der eigenen Wange ausprobiert. Die Fans verfolgten euphorisch jedes Spiel der EM, und wer doch nicht so fanatisch war, warf zumindest mal einen Blick auf die Spieltabelle in der Zeitung. Denn Thema war es überall: "Wer kommt weiter, wer fliegt raus?"

 

Der kleine Mann von nebenan holte mit der Deutschlandfahne auch seinen Nationalstolz wieder aus dem Keller, und ob heimatliebend oder nicht, fast jeder hatte seine Favoritenmannschaft, für die er bangte und hoffte.

 

Von Politik wollte hier kaum jemand etwas wissen, wichtiger waren die Spieler, von deren Füßen die Ehre des Landes abhing. Ihre Namen kannte jeder, aber könnte eigentlich jemand die Namen der Spitzenköpfe der EU aufzählen? Ein Rudi Völler zieht sich nach einer Niederlage zurück, aber wer zieht europäische Politiker für Fehler zur Rechenschaft? Niemand. Weil niemand sie kennt.

 

Die EM und die WM seien die spannendsten Sachen der Welt, meint der Kassierer im Supermarkt bei mir um die Ecke. Die Spielregeln seien für jedes Kind verständlich, aber europäische Politik..., da sähe einfach niemand durch.

 

Das europäische Parlament wirbt auf seiner Internetseite www.europarl.de damit, die EU sei daran interessiert, Bürgerinnen und Bürgern Lust auf Sport zu machen. Ich wäre gespannt, was passieren würde, wenn wir die europäischen Politiker in Trikots steckten und ihnen 90 Minuten mit Halbzeitpause und eventueller Verlängerung gäben. Der Fußball lehrt uns, dass Nachvollziehbarkeit der Regeln und Taktiken, Spielfähigkeit und Atmosphäre nötig sind, um das Interesse der Europäer zu wecken. Denn begeisterungsfähig sind diese allemal. Der gemeine Europäer ist tief beeindruckt von Spielern, die absolute Kontrolle über einen Ball haben. Wenn man dies auch bei den europäischen Politikern beobachten könnte, sicher würden auch sie zu Helden werden.

 

Warten wir also gespannt auf die WM 2006 und schauen, ob es vielleicht irgendwann eine erfolgreiche europäische Nationalmannschaft gibt, sei es im Bereich des Sports, oder der Politik.

 

Artikel in der Berliner Zeitung.

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