Ein vereintes Europa - von Moritz Hütten - Stuttgarter Zeitung

Ein vereintes Europa, darin liegt auch für Jugendliche eine große Chance. Die Jungen Europäischen Förderalisten (JEF) setzten sich schon seit mehr als 50 Jahren für den grenzübergreifenden interkulturellen Jugendaustausch ein.

 

 

Labak but ieksa – Drin sein ist besser. Mit diesem Slogan haben die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) in Lettland vergangenen Herbst für den EU-Beitritt des Landes geworben. Mit Erfolg. Am Samstag werden Lettland und neun weitere Staaten Teil der Europäischen Union. Und dies ist nicht das einzige europäische Ereignis in diesem Jahr. Neben der Osterweiterung stehen auch noch die Europawahl (13. Juni) und die Verabschiedung einer Europäischen Verfassung an.

 

 

Doch bei vielen Jugendlichen ist das Interesse an diesen wichtigen Ereignissen ziemlich gering. Europa? Das ist für viele, wenn der Vater ab und zu über Brüssel schimpft, der Gemeinschaftskundelehrer die Abwanderung von Industriebetrieben erörtert und unbekannte Politiker im Fernsehen theoretische Phrasen über eine gewisse europäische Integration dreschen. Es wird einem wirklich schwer gemacht, mit dem Thema Europa warm zu werden.

Genau das möchten die Jungen Europäischen Föderalisten ändern. Bei ihrer Gründung vor mehr als 50 Jahren hatten sich die jungen Leute in erster Linie vorgenommen, wieder Frieden zu schließen und sich zu versöhnen. Auch heute wollen die JEF noch immer „one generation ahead“ – eine Generation voraus – sein. Im Moment sehen sie daher ihre Aufgabe darin, den Leuten die Bedeutung Europas näher zu bringen. Für dieses Engagement sind die Jungen Europäischen Förderalisten auch kürzlich mit der Theodor-Heuss-Medaille für ein bürgernahes Europa ausgezeichnet worden.

Die Organisation veranstaltet Podiumsdiskussionen und veröffentlicht Broschüren, in denen die geplante Europäische Verfassung anschaulich erläutert und kommentiert wird. Doch die Arbeit der JEF beschränkt sich nicht auf die Politik. Für die JEF steht fest: „Europa, das ist mehr und größer als die Europäische Union.“ Daher ist der überparteiliche Jugendverband in 32 Ländern vertreten. Die engagierten Föderalisten wollen die Menschen einander näher bringen.

 

„Wir organisieren Studienfahrten und Treffen für Jugendliche aus verschiedenen Ländern sowie europaweite Schülerzeitungsseminare“, sagt Ilze Garoza aus Lettland. Dieses Nebeneinander von politischer und interkultureller Arbeit steckt auch in dem etwas sperrigen Begriff „Föderalisten“. „Föderalisten heißen wir nicht nur, weil wir eine demokratische Zusammenarbeit der Staaten fordern und keinen europäischen Zentralstaat“, erklärt Lutz Hager, der Bundesvorsitzende der JEF Deutschland. „Föderalismus bedeutet auch: Grenzen zu überwinden und die verschiedenen Kulturen dabei nebeneinander stehen zu lassen.“

 

Bei allem Engagement zur Aufklärung unverständlicher Strukturen und für ein neues Verständnis von Europa laufen die Jungen Europäischen Föderalisten jedoch selbst Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. Was meinen sie konkret, wenn sie von einem „demokratischen, bürgernahen, nachhaltigen, solidarischen, föderalen und friedlichen Europa der Zukunft“ sprechen? Wen wundert es, wenn einem bei solchen Sätzen die Puste ausgeht und man erst einmal ratlos und erschlagen dasteht? Viele große und bedeutend klingende Worte – doch man fragt sich immer noch: „Was ist nun eigentlich so toll an diesem Europa?“

 

Am anschaulichsten wird der europäische Traum der Jungen Föderalisten vielleicht, wenn man einen Blick in das Innere des Verbands wirft. Dort erleben sie längst im Kleinen, was sie auch im Großen erreichen möchten: „Wenn wir aus den verschiedenen Ländern auf unseren Treffen zusammenkommen, ist die Verständigung zunächst immer etwas schwierig“, sagt Marianne Bonnard aus Frankreich. „Manchmal meinen wir das Gleiche – denken aber, wir würden uns widersprechen.“ Nicht nur allein die Sprache sei das Problem – gesprochen wird übrigens grundsätzlich in der Sprache, die alle Teilnehmer verstehen; das muss nicht immer Englisch sein. Auch die länderspezifischen Eigenheiten sorgen öfters für Missverständnisse. „Aber dann merkt man schnell“, sagt Marianne Bonnard, die zweieinhalb Jahre in Deutschland verbracht hat, „dass wir im Grunde das Gleiche denken, das Gleiche wollen und vieles gemeinsam haben.“

 

Auf den Treffen der JEF entstehen schnell neue Freundschaften mit jungen Menschen aus anderen Ländern. Doch das ist nicht alles. „Das Beste ist, „egal wohin man in den Ferien reist. Fast überall gibt es JEFler, bei denen man stets willkommen ist, auch wenn man sich persönlich noch nie getroffen hat“, sagt Marianne Bonnard.

 

Ob es den Jungen Europäischen Föderalisten gelingt, diese Begeisterung nach außen zu tragen, wird man sehen. Aber eines steht fest: Die vielen kulturell unterschiedlichen Menschen in Europa sollen gute Nachbarn werden. Europa, ein Ort, an dem man überall zu Hause sein kann. Wer will das nicht?

Die Jungen Europäischen Föderalisten im Internet: www.jef.de

 

Veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 29.04.2004

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