Kurden - Türken -Europäer von Veyis Yaygir
Diyar, Can und Marc sind gute Freunde; Sie besuchen eine Gesamtschule und haben wie öfter eine Freistunde. Sie sind alle drei 17 Jahre alt und alle drei sind sehr interessiert an Politik. 45 Minuten lang haben sie Zeit über Themen zu sprechen, die sie persönlich betreffen. Diyar, ein Kurde, Can, ein Türke und Marc, ein Deutscher möchten diesmal über Europa reden, dazu gehört der Beitritt der Türkei zur EU und das Kurdenproblem.
Diyar: Hi Jungs! Zum Glück haben wir wieder Freizeit. Jetzt können wir darüber reden, was wir voneinander schon immer wissen wollten.
Marc: Hi Diyar! Schön, dass du gekommen bist.
Can: Merhaba Diyar! ( Hallo Diyar )
Marc: Jungs, ich habe eine Frage: Was ist eigentlich mit der Türkei und Europa?
Wie ist der Stand jetzt im August 2004?
Diyar: Für das Thema dafür werden 45 Minuten nicht reichen. Türken, Europäer, Kurden oder einfach Menschen, alles hat einen Zusammenhang.
Marc: Du hast recht, aber dieses Thema ist so interessant, dass man auch 2 oder 10 Stunden investieren kann.
Can: Womit sollen wir anfangen? Am besten ist es, wenn du uns konkrete Fragen stellst, die Diyar und ich hoffentlich beantworten können.
Marc: Kein Problem! Meine erste Frage aus aktuellen Gründen: Wie seht ihr die beabsichtigten Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäische Union?
Diyar: Ein Beitritt der Türkei in die EU ist für mich auf einer Seite problematisch, aber auf der anderen Seite macht es mir große Hoffnung, wenn die Türkei der EU beitreten würden. Die große Frage bei diesem Thema ist, wie demokratisch die Türkei ist. Mit der aktuellen politischen Situation in der Türkei bin ich nicht zufrieden.
Can: Aber Diyar, du siehst doch, wie viele neue Gesetze, die die Türkei demokratischer machen, verabschiedet wurden.
Diyar: Du hast zwar recht, aber ist die Umsetzung dieser Reformen denn gelungen? Jeder kann doch ein Gesetz verabschieden. Aber wenn es nicht umgesetzt wird, bringt es nichts. Ich zweifele daran, dass die Türkei demokratischer geworden ist. Auch habe ich bei der Einhaltung der Menschenrechte meine Zweifel. Zwar nicht große, aber Zweifel sind in meinen Gedanken vorhanden.
Marc: Was sind denn die positiven Aspekte eines Türkei- Beitritts?
Diyar: Ich meine, dass der wichtigste Aspekt in dieser islamischen Gesellschaft liegt. Meiner Meinung nach würde die Türkei ein Vorbild für andere islamische Staaten werden. Wenn die Türkei der EU beitreten würde und sich finanziell sowie politisch zum Positiven verbessern würde, würden sich viele Menschen in den anderen Ländern fragen, warum sie sich eigentlich dem Westen nicht anschließen. Es wäre die beste Art den Terror der Islamisten einzudämmen. Denn viele Leute würden sich dann nicht mehr den Islamisten sondern an den Westen anschlissen. Der zweite Aspekt ist die Löschung meiner Zweifel. Die Türkei würde sich richtig demokratisch verbessern und die Menschenrechte würden eingehalten werden.
Can: Auch würden sich die Grenzen öffnen. Viele Menschen in der EU würden in der Türkei investieren. Nach dem Beitritt der Türkei in die EU wird ein freier Handel folgen. Durch einen Beitritt der Türkei in die EU gäbe es auch einen großen Vorteil für die Europäer selbst. Ein großer Markt ist in der Türkei vorhanden, davon würden die Deutschen am meisten profitierein. Sie würden die ganzen Maschinen in die Türkei exportieren. Denn die Türkei hat ein großes Bevölkerungswachstum. Auch hätten die Europäer eine größere Streitmacht, womit sie in Krisenregionen helfen könnten. Für eine Lösung der Probleme im Nahen Osten wäre der Beitritt der Türkei ein großes Plus. Die Europäer wären dann an den Nahen Osten angegrenzt, so dass sie ihre gute Politik vielleicht in Richtung Osten weitergeben können.
Marc: Diyar, bist du für einen Türkei-Beitritt oder gegen einen Türkei- Beitritt?
Diyar: Wenn ich meine Argumente auf eine Waage stelle: die Pro- Argumente auf der linken Seite und die Contra- Argumente auf der rechten Seite, dann würden meine Contra- Argumente 1kg wiegen und meine Pro- Argumente 2kg wiegen.
Marc: Can, wie sehen deine Überlegungen zu dieser Frage aus?
Can: Ich bin klar für einen Türkei- Beitritt. Bei mir würden die Contra- Argumente nur 500g und die Pro- Argumente 2 kg wiegen.
Diyar: Wie schaut es denn bei dir aus Marc?
Marc: Ich bin mir nicht sicher. Meiner Meinung nach sind die Pro- Argumente zwar wichtiger, aber wie schwer meine Contra-Argumente sind, dazu habe ich mich noch nicht entschieden. Kommen wir mal zur meiner zweiten Frage: Viele Politiker sehen den Islam als Hindernis für einen Türkei Beitritt? Wie denkt ihr über diese Personen?
Diyar: Mein gerade genanntes Pro- Argument zeigt den Gegensatz zu den Menschen, die den Islam als Hindernis sehen. Ich meine, dass wir jetzt in einer Zeit angelangt sind, in der eine globalere Politik entstehen sollte. Die meisten Personen, die gegen einen Türkei- Beitritt sind, sind Christen, die kein Islam- Staat als Bündnispartner haben wollen. Das ist für mich eine falsche Denkweise.
Jeder Mensch, ob er an Jesus oder Mohammed oder Moses oder an den Propheten für meine Religion, also Ali glaubt, ist gleichwertig. Ein Mensch ist ein Mensch! Das sollte jeder im Kopf haben. Deshalb gilt dieses Hindernis nicht für mich.
Can: Du hast vollkommen recht. Wenn ich dieses Argument auf meiner Waage wiegen lassen würde, würde es nichts wiegen.
Marc: Jungs, ihr habt mich überzeugt. Auch meiner Meinung nach muss man bei vielen Themen, wie der Religion, sehr tolerant sein. Hier in Deutschland leben sehr viele Menschen, die eine andere Religion als das Christentum haben, das ist doch nicht schlecht. Can du bist ein Moslem, du Diyar ein Alevit und ich ein Christ. Es ist doch toll, dass wir beisammen sind. Wir lernen voneinander. Das ist für mich ein Beweis, dass der Gedanke den Islam als Hindernis für einen Türkei- Beitritt zu sehen, falsch ist.
Can: Diyar, von dir als Kurde möchte ich wissen, welche Vor- und Nachteile hat es für die Kurden in der Türkei, wenn die Türkei der EU beitritt? Anschließend möchte ich fragen, was denn die Kurden in der Türkei erreichen wollen? Was sind ihre Hauptziele?
Diyar: Als erstes möchte ich deine erste Frage beantworten. Der größte Nachteil für mich ist es, dass 20 Millionen Kurden als eine Minderheit gesehen werden. Man kann die deutschen Auswanderer in den USA als eine Minderheit bezeichnen. Aber bitte nicht 20 Millionen Kurden in einem Staat, der ca. 60 Millionen Einwohner hat, als eine Minderheit bezeichnen. Fast 1/3 der türkischen Bevölkerung sind Kurden. Deswegen verstehe ich nicht, wie große Europapolitiker Kurden als eine Minderheit ansehen. Auch nach dem Beitritt der Türkei würden die Kurden als eine Minderheit abgestempelt, so dass sie nicht richtig beachtet werden. Kurden sollen so akzeptiert werden, wie sie sind und nicht anders. Das ist ein großer Nachteil für Kurden in der Türkei. Als Vorteil könnte man den demokratischen Fortschritt der Türkei durch die EU nennen. Kurden hätten viel mehr Rechte als bisher. Viele Kurden nehmen als Hauptziel einen eigenen Staat an. Ich persönlich glaube nicht, dass dieses Ziel erreicht wird. Wenn die Türken der EU beitreten würden, wäre es meiner Meinung nach sehr gut, wenn die Kurden die gleichen Rechte wie alle Europäer hätten. Jeder Kurde möchte seine Kultur in der Türkei ausleben. Ihre Identität möchten sie auf gar keinen Fall verlieren. Das ist das allerwichtigste.
Marc: Viele Menschen sagen mir, dass Kurden und Türken das Gleiche sind. Ist das wahr?
Diyar: Diese Menschen, die so denken, haben keine Ahnung von Kurden und Türken. Es ist der gleiche Schwachsinn, wenn man einen Franzosen und einen Deutschen als gleich bezeichnet. Das beste Beispiel ist die Sprache. Can, wenn ich mit dir kurdisch sprechen würde, würdest du kein einziges Wort verstehen. Es ist der gleiche Unterschied wie französisch und deutsch. Ein Kurde ist kein Türke, genauso wie ein Engländer kein Däne ist.
Can: Da stimme ich dir zu.
Marc: Es ist bekannt, dass Kurden und Türken sehr viele Probleme miteinander haben. Wie sieht ihr dieses Problem.
Diyar: Dieses Problem haben die türkischen Regierungen provoziert. Wie kann man denn nicht akzeptieren, dass 20 Millionen Kurden in der Türkei leben? Wie kann man eine Sprache verbieten? Darf man denn nicht seine eigene Muttersprache sprechen? Wie kann man einen Menschen verurteilen, weil er kurdisch gesprochen hat? Die Türken sollten sich mal in die Lage der Kurden versetzen. Can, wie würdest du dich fühlen, wenn das Türkischsprechen in Deutschland verboten wäre? Wenn dich ein Deutscher als einen Deutschen bezeichnen würde? Wenn du nicht sagen dürftest, das du ein Türke bist? Ist doch grauenvoll und unvorstellbar!
Can: Es wäre wirklich schlimm. Du hast Recht. Wenn ich ein Kurde wäre, hätte ich einen großen Hass gegenüber der türkischen Regierung. Auch als Türke sehe ich ein, dass die Türken unverzeihbare Fehler begangen haben. Aber, zum Glück hat es sich in den letzten Jahren verbessert. Ich höre sogar kurdische Musik im türkischen Fernsehen.
Diyar: Dies hat man den Kopenhagener Kriterien zu verdanken. Durch diese Kriterien mussten sich die Türken verändern.
Can: Auch das finde ich sehr schlecht von der türkischen Regierung. Warum ändern sie sich nur, weil sie in die EU kommen wollen? Es wäre doch toll, wenn sie selber merken würden, was für einen Mist sie mit den Kurden veranstaltet haben. Die Türkei hatte oft richtig schlechte Regierungen. Das ist schade.
Marc: Nach dieser interessanten Diskussion möchte ich einen Entschluss ziehen. Ich möchte die Kurden, die Türken und die Europäer so darstellen: Ein Kurde ist für mich ein Mensch, der ein Oberkörper hat, aber keinen Unterkörper. Damit meine ich, dass sie nur zur Hälfe da sind. Sie haben keinen eigenen Staat, sie wurden von der türkischen Regierung nicht akzeptiert und schlecht behandelt. Die Kurden durften keine Kurden sein. Das ist das schlimmste, was einem Volk passieren kann. Trotz diesen ganzen miserablen Taten der türkischen Regierungen muss man die Kurden in der Türkei loben. Sie haben nie ihre Identität verloren. Sie gaben nie auf, und werden hoffentlich nie aufgeben. Sie zogen in einen Kampf gegen die Türkei. Letztlich kamen die Europäer zu Hilfe. Sie entwarfen die Kopenhagener Kriterien, die sehr wichtig für einen Beitritt sind. Aber auch Fehler der EU kann man erkennen. Leider sprechen sie die gleiche Sprache wie die Türken. Sie akzeptieren die Kurden als eine Minderheit. Es wäre schön, wenn die Europäer diesen Fehler wieder bereinigen. Kommen wir mal zu den Türken. Die Türken, damit meine ich die türkischen Regierungen, haben ein ganzen Körper, aber keinen Kopf. Für mich haben die türkischen Regierungen keinen Kopf, weil sie nicht denken können. Sie verabschieden Reformen nur, weil sie Mitglied der Europäischen Union werden möchten. Sie machen gewaltige Fehler gegenüber den Kurden. Wie du, Diyar schon gesagt hast, kann ich nicht verstehen, wie man eine Sprache verbieten kann. Es ist Blödsinn, dass die Türken 20 Millionen Kurden in ihrem Land nicht akzeptieren.
Letztlich kommen wir zu den Europäern. Die EU ist für mich ein Körper mit allem dran, aber sehr schmal ist dieser Körper. Zwar sind sie sehr stark, aber wissen im Moment nicht, was sie tun sollen. Die Wahlen haben ein gravierendes Ergebnis gezeigt. Ungefähr 43% der Bürger der EU sind zu den Wahlen gegangen. Das Desinteresse der Bevölkerung ist zu stark. Anti- EU Parteien haben sich gebildet. Viele Menschen sehen die EU als irgendetwas, dass sie nicht interessiert. Auch die Ost- Erweiterung baut bei vielen Personen Skepsis auf. Mehr Staaten bedeuten auch mehr Probleme. Jeder Staat hat seine eigenen Bedürfnisse, die sie auf jeden Fall durchsetzen wollen. Ist die EU so stark, dass sie auch mit 25 Staaten eine funktionierende Union schaffen kann? Das ist eine Frage, die nur die Zeit beantworten kann.
Diyar: Marc, das war gerade eine tolle Interpretation. Etwas möchte ich noch hinzufügen.
Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe. Ich kann meine Kultur erleben. Ich kann meine Muttersprache sprechen. Ich habe die gleichen Rechte wie ein Deutscher. Deutschland ist ein Staat, wo man seine Herkunft und seine Religion nicht verstecken muss. Weil Deutschland ja in der EU ist, möchte ich die EU loben, das sie so etwas geschafft hat. Ein Europa, wo wahrscheinlich nie mehr ein Krieg passieren wird. Es ist hervorragend, dass Europa sich weiterentwickelt hat. Nach den ganzen Kriegen zwischen den europäischen Ländern, ist ein Europa entstanden, wo politische und soziale Entscheidungen nach langen Diskussionen, aber letztlich gemeinsam getroffen werden.
Can: Dazu kann ich nichts hinzufügen. Alles ist erwähnt worden. Aber ich muss euch an die Zeit erinnern. Es gongt gleich.
Marc: Ich bin sehr glücklich, dass ich solche Freunde wie euch habe. Obwohl einer von euch Kurde ist und der andere Türke, kommt ihr super miteinander aus. Jeder gibt dem Recht, wo er Recht hat. Ihr seid ein Beispiel für die anderen Menschen.
Diyar: Danke, dass du das sagst. Ich muss jetzt gehen.
Bis zum nächsten Mal.
Veyis Yaygir



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