Macht Europa Schule? - von Tim Mäkelburg

Wie schwierig es ist, das Themas Europa in der Schule zu vermitteln - und wie es trotzdem gelingen kann. Ein Praxisbericht zwischen Düren und Brüssel.

 

Die vergangenen Europawahlen haben es einmal mehr gezeigt: Junge Menschen scheinen sich immer weniger für Politik zu interessieren. Waren es bei der Europawahl 1994 noch über 50% der unter 35jährigen, die sich an der Wahl beteiligten, so hat sich deren Wahlbeteiligung jetzt auf ein Drittel verringert. Die Wahlneigung dieser Altersgruppe ist damit die geringste von allen.

 

Wer trägt an dieser Misere die Schuld? Gesellschaftlicher Hauptakteur, wenn es um die Vermittlung von politischer Bildung bei Jugendlichen geht, ist die Schule. Idealerweise sollte sie die Aufgabe der Sensibilisierung der Schüler für politische Fragen übernehmen. Doch speziell das Thema Europa fristet im Unterricht eher ein Nischendasein. Das berichten auch Oberstufen-Schüler der Dürener Heinrich-Böll-Gesamtschule, die im Unterricht noch nichts von der EU gehört haben.

 

Schüler ergreifen die Initiative

 

Um mehr über Europa zu erfahren, haben sich die Schüler der Dürener Gesamtschule beim Projekt "EU-Jugendbarometer" beworben und sind als eine von fünf Schülergruppen ausgewählt worden, eine Fahrt nach Brüssel zu unternehmen. Die Oberstufen-Schüler sollten sich so ein persönliches Bild von der EU machen.

 

Im Zug nach Brüssel erklären sich viele der bereits volljährigen Schüler offen dazu, Nichtwähler zu sein. Wer mit den Chancen und Risiken der EU nicht konfrontiert wird, der wird auch nicht selten bei einer Wahl zuhause bleiben. An mangelndem Interesse liegt das dennoch nicht, denn wer die Schüler konkret auf ein politisches Thema anspricht, dann kann leicht eine leidenschaftliche Diskussion entfachen - wie geschehen bei der Dürener Schülergruppe auf ihrer Fahrt in die europäische Hauptstadt.

 

Erste Kontaktaufnahme mit Europa

 

In Brüssel angekommen, stand der Besuch des Europäischen Parlaments im Mittelpunkt. Hier erhielt die Schülergruppe einen Einblick in den Alltag von EP-Abgeordneten. Faszinierend wirkten auf die Schüler besonders die vielen Übersetzungskabinen im Plenarsaal. So langsam schien auf dem Gang durchs Parlament einigen auch klar zu werden, welchen Stellenwert Europa heute im gesamten Politikgeschehen hat. Praktische Anschaulichkeit wirkt eben besser als reine Theorie. Noch praktischer und intensiver wurde das Europa-Erlebnis dann aber bei einem Programmpunkt, der mit der EU eigentlich nichts zu tun hatte - bei der Stadtführung durch Brüssels Zentrum.

 

Denn als der flämische Stadtführer die Gruppe etwas abseits des Großen Markt durch die Nebenstraßen des Zentrums führte, standen einige Probleme direkt vor den Augen der Schüler. Kaum hatte man das Herz der Hauptstadt verlassen, kam man in Gegenden mit vielen verlassenen Häusern und offensichtlicher Armut. Brüssel ist im Zentrum stark von der Stadtflucht betroffen, was hingegen seinen Vororten zugute kommt. Das Paradoxe dabei: Viele Arbeitsplätze des Landes konzentrieren sich zwar auf die Region Brüssel, doch ist hier gleichzeitig die Arbeitslosigkeit hoch. Nach Angaben des staatlichen belgischen Arbeitsamtes betrug die Arbeitslosenquote in Brüssel 19,9% gegenüber 12,2% in ganz Belgien.

 

Was den Schülern weiterhin auffiel, waren die vielen Einwanderer in Brüssel. Der Stadtführer erzählte, dass sich viele von ihnen illegal in Brüssel aufhielten und schlug den Bogen zur EU: Mehr noch als die Beschäftigungspolitik sei die Einwanderungspolitik schon lange kein nationales Thema mehr - besonders bei der Migration sei es die EU, die heute die Gesetze mache.

 

Für den Dürener Schüler David (18) war deshalb die Stadtführung viel spannender als alles andere: "Wenn man sich die Probleme in Brüssel mal anschaut, dann ist mir klar geworden, dass die Brüsseler Probleme auch europäische Probleme sind, und sie uns alle angehen!" Auch für Isabelle (19) hat sich der Tag in Brüssel offenbar gelohnt: "Ich hätte mich vor der Fahrt eher zu den Nichtwählern gezählt. Jetzt nach diesem Tag in Brüssel werde ich in Zukunft auf jeden Fall mein Kreuzchen machen." Marie-Christine (18) pflichtet ihr bei, denn sie kann mit Europa jetzt etwas verbinden: "Die Fahrt hat mir und meinem europäischen Horizont viel gebracht!"

 

Aber nur wenige Schüler haben im Rahmen des Unterrichts die Chance, sich selbst in Brüssel einen Eindruck von Europapolitik zu machen, deshalb lautet die zentrale Frage: Wie erreicht das Thema Europa die Schüler im Unterricht?

 

Frau Dr. Albrecht ist Lehrerin für das Fach Sozialwissenschaften an der Dürener Schule und kennt die Tücken des Systems: "Im aktuellen Lehrplansystem in Nordrhein-Westfalen ist das Thema Europa nur ein Baustein unter vielen. Wir müssen stets die drei Bereiche Wirtschaft, Politik und Soziologie abdecken - das Thema Europa eignet sich wegen des Bezugs zur Wirtschaft und zur Politik natürlich ungemein, doch längst nicht alle Kolleginnen und Kollegen nehmen die EU auch durch". Im Sowi-Unterricht ist die EU auch frühestens in der Jahrgangsstufe 12 Thema. Vorher gibt es in NRW nur in der 7. und in der 10. Klasse jeweils eine Stunde Politikunterricht pro Woche - "Viel zu wenig!", meinen auch die Schüler.

 

Ein Blick in den nordrhein-westfälischen Lehrplan des Fachs Sozialwissenschaften für Gymnasien und Gesamtschulen bestätigt diese Aussage. Hier finden sich zwar die von Albrecht angesprochenen Bereiche wieder, das Thema Europa taucht aber nur im Bereich Wirtschaftspolitik mit der Europäischen Zentralbank explizit auf. Neben den Inhaltsfeldern Wirtschaftspolitik und Internationale Politik, in denen Europa behandelt werden könnte, aber nicht unbedingt muss, wird den politischen Strukturen und Prozessen in Deutschland ein eigenes Inhaltsfeld gewidmet. Dass Innenpolitik mehr und mehr auch europäische Politik ist und die EU die meisten Gesetze der Nationalstaaten stark beeinflusst, findet im Lehrplan keine Beachtung. Lediglich bei den Aufgaben und Zielen wird darauf verwiesen, dass die Schüler "auf ein Leben in einem zusammenwachsenden Europa und einer international verflochtenen Welt vorbereitet werden" sollen.

 

Echte Initiativen kommen von Außen in die Schule

 

Was die Schule in Bezug auf die politische Bildung heute nicht zu leisten im Stande ist, wird von anderer Seite versucht. Immer mehr Initiativen werden gestartet, um Politik und Schule besser zusammen zu bringen. Jochen Rummenhöller vom Deutschen Bundesjugendring in Berlin kennt die Schwierigkeiten, von außen Einfluss auf das System Schule auszuüben: "Wir wollen Schule öffnen", so Rummenhöller, "Schule ist derzeit auf dem Stand von 1900. Das System ist so starr und hat unbedingt Hilfe von außen nötig".

 

Der Deutsche Bundesjugendring plädiert dafür, dass alle Verbände, die in Deutschland mit Bildung zu tun haben, die Aufgabe haben, direkt in die Schulen zu gehen. Trotz der Starre des Systems sieht Rummenhöller aber auch Chancen. So ist die aktuelle Debatte um die vermehrte Einführung von Ganztagsschulen der Forderung nach einer vermehrten Verzahnung von Schulen und Jugendorganisationen entgegengekommen. Wenn die Jugendlichen mehr Zeit in der Schule verbringen, dann müssen sie auch beschäftigt werden - hier könnte die Chance für Jugendorganisationen bestehen, Ihren Fuß in die Schule zu bekommen.

 

 

erschienen bei europa-digital am 30.8.2004

 

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