Nichts zu verzollen? Mal sehen... von Tim Mäkelburg

EUropa ist ein großer Binnenmarkt mit vielen Freiheiten. Doch weil Europa auch immer noch aus den einzelnen Nationalstaaten mit ihren eigenen Gesetzen und Steuern besteht, finden an den meisten EU-Binnengrenzen seit Mitte der 90er Jahre keine stationären Personenkontrollen mehr statt - die Mitarbeiter des Zolls haben aber immer noch alle Hände voll zu tun.

 

Dienstwagen: Mobile Treibstoff-, Bargeld- und Drogenkontrollen

 

"So hat das hier vor mehr als zehn Jahren noch ausgesehen", erklärt Margret Böcker, Zollbeamtin und Leiterin der Mobilen Kontrollgruppe (MKG) Emmerich, mit einem nostalgischen Unterton und zeigt auf ein fast historisch wirkendes Luftbild des Grenzübergangs Elten-Autobahn. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Maastrichter Vertrag noch nicht in Kraft getreten, am Grenzübergang waren an die 120 Beamte des Zolls rund um die Uhr mit der Waren- und Reisendenabfertigung beschäftigt und vor den Schlagbäumen bildeten sich noch richtige Schlangen.

 

Heute erkennt man den Grenzübergang kaum wieder. Mit dem Schengener Abkommen wurden die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und den Niederlanden aufgehoben, mit der Einführung des Euro wurden dann auch die Wechselstuben überflüssig. D-Mark und Gulden waren Geschichte und der Grenzübergang entwickelte sich mehr und mehr zu einer Geisterstadt, an der der Verkehr vorbeirollt.

 

Während auf der niederländischen Seite der Autobahn heute keines der früheren Gebäude mehr zu sehen ist, finden sich auf der deutschen Seite dieser Geisterstadt neben einem Geldautomaten nur noch die beiden heruntergekommenen Dienstgebäude des BGS und der MKG, in denen vor 1993 schon die Beamten des ehemaligen Zollamtes Elten-Autobahn ihrer Arbeit nachgingen.

 

Dieses Zollamt existiert heute nicht mehr. Die Mitarbeiter der MKG Emmerich sind alle dem Hauptzollamt Krefeld angegliedert, das die Hauptverwaltungsarbeit leistet. Keiner von Ihnen sitzt mehr in einem der vielen Grenzhäuschen an der Grenzlinie und fragt nach Reisepässen und zu verzollenden Gütern.

 

Doch so ungehindert und ohne Kontrollen wie man auf den ersten Blick denken mag, muss sich die Fahrt über die Grenze nicht unbedingt gestalten. Bereits 1993 wurden so genannte Treibstoffkontrolltrupps im Umkreis der Grenze eingesetzt, die Schmuggel und Missbrauch von Benzin und Heizöl eindämmen sollten. Ihnen folgten weitere Sondereinheiten, die sich auf bestimmte Betrugsdelikte spezialisierten. "Der Binnenmarkt war damals offen wie ein Scheunentor" erinnert sich auch Willi Meier von der MKG.

 

Aufgaben an einer offenen Grenze

 

Doch Treibstoff war nicht das einzige Gut, das undeklariert zwischen den Niederlanden und Deutschland geschmuggelt wurde. Die Bundesregierung reagierte und richtete im Januar 2002 die MKG Emmerich mit 15 Beamten ein. Neben Treibstoffkontrollen gehören heute auch Bargeldkontrollen und Verbrauchs- sowie Beförderungssteuerkontrollen zur täglichen Arbeit der MKG. Die meiste Zeit verbringen die Beamten aber mit der Suche nach Drogen, die illegal nach Deutschland eingeführt werden.

 

"Die A 3 ist schließlich die Drogenstraße Europas", sagt Manfred Winnen von der MKG. "Doch uns interessieren weniger die kleinen Kiffer. Wir sind vor allem hinter organisierten Banden her, die Drogen im großen Stil über die Grenze bringen.", so Winnen weiter. "Die Holländer sind immer schon ein Handelsvolk gewesen - das kriegt man aus denen nicht mehr raus", bemerkt auch Willi Meier mit einem kleinen Lächeln, und Margret Böcker fügt hinzu: "Es ist fast wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel - wir können halt nicht überall sein".

 

Das besondere an der MKG ist, dass sie nicht an einen Ort gebunden ist, sondern sich in Ihrem Zuständigkeitsbezirk frei bewegen kann. So kommt es dann auch mal vor, dass man die Beamten im Zug oder Bus über die Grenze fahren sieht. Der örtliche Zuständigkeitsbereich der MKG umfasst die Kreise Kleve und Wesel mit den Hauptverkehrsstrecken A 3 und A 57, der Bahnlinie Arnheim-Oberhausen und dem Rhein.

 

Hauptarbeitsplatz ist jedoch die Autobahn, auf der die Beamten in wechselnden Schichten und mit ihren fünf Dienstwagen und zwei Drogenhunden die meisten Kilometer zurücklegen. In Ihren Dienstwagen haben sie alle technischen Möglichkeiten, um flexibel an jedem Punkt ihres Zuständigkeitsbereiches eingesetzt werden zu können. Neben Laptop und Drucker finden sich Geräte zur Überprüfung von Geldscheinen, zur Entnahme von Benzinproben oder zur Durchführung von Drogentests.

 

Blick auf die andere Seite der Grenze

 

Auf der Gegenfahrbahn in Richtung Niederlande schieben die Kollegen der "Koninklijke Marechaussee" aus dem Nachbarland Ihren Dienst ab, die mit zwei Motorrädern und einem Kleinbus vor Ort sind. Gegenseitig beachtet man sich aber kaum. "Man grüßt sich, aber kennen tun wir uns nicht", sagt Manfred Winnen, als er in dem polizeigrünen Golf an den Niederländern vorbeifährt. Margret Böcker erinnert sich noch an die Anfänge der MKG: "Damals haben wir einmal eine gemeinsame Kontrolle durchgeführt, um uns kennen zu lernen, aber die Kollegen drüben haben ja ganz andere Aufgaben. Hin und wieder bekommen wir auch mal einen Tipp von den Kollegen."

 

"Es ist ja schon mal ganz gut", wirft Winnens Schichtkollege Detlev Gisbers ironisch ein, "dass wir als Zoll überhaupt auf die niederländische Seite der Grenze fahren dürfen, um unser Dienstgebäude zu erreichen." Es wird von beiden Staaten toleriert, dass sich die Beamten aus dem Nachbarland jenseits der Grenze bewegen - mehr jedoch ist nicht drin.

 

So müssen Winnen und Gisbers, nachdem sie auf einem Autobahnrastplatz einen verdächtigen Italiener angehalten haben, und diesen zur weiteren Vernehmung mit zum Dienstgebäude nehmen wollen auch auf die Feldwege ausweichen. "Auf der Autobahn fahren wir mit dem nicht zurück. Wenn wir dann kurz durch Holland müssen, kann er uns zum Anhalten auffordern, und wir müssten es tun", klagt Gisbers. Im Nachbarland hat der Zoll nämlich keine Kompetenzen mehr, weshalb ein längerer Rückweg über kleine Seitenstraßen in Kauf genommen werden muss - das ist Europa...

Von oben bis unten durchgefilzt

 

Manfred Winnen schaut auch in die kleinsten Ritzen

 

Den Italiener haben Manfred Winnen und Detlev Gisbers direkt von der Autobahn gefischt. Sie hatten sich mit ihrem Golf vor das Dienstgebäude direkt neben der Autobahn aufgestellt und nach verdächtigen Personen und Kennzeichen Ausschau gehalten. "Verdächtig sind prinzipiell erstmal alle Arten von Leuten - da hatten wir vom Jugendlichen bis zum Greis, von der Hausfrau bis zum Geschäftsmann war alles schon dabei. Auf einige Typen haben wir aber ein ganz wachsames Auge", erklärte Detlev Gisberts, bevor sein Kollege den direkten Weg auf die Autobahn nimmt und die Verfolgung eines schwarzen Audi A4 quattro mit italienischem Kennzeichen aufnimmt.

 

Da die Beamten erstmal beschleunigen müssen, um das Tempo des schwarzen Audi zu erreichen, dauert es eine Weile, bis sie sich teils mit Blaulichteinsatz an den fahrenden Autos vorbei geschoben haben und auf Sichtkontakt mit dem verfolgten Wagen herangefahren sind. Glücklicherweise überholt vor dem Audi gerade ein Lastwagen, so dass er nicht entwischen kann. "Wäre die Bahn frei, könnte er schon über alle Berge sein. Wir können mit unserem Dienstwagen auch nicht unendlich schnell fahren", erklärt Gisbers, bevor sein Kollege Winnen den Dienstwagen direkt vor den Audi setzt und dessen Fahrer mittels der Leuchtschrift "Follow me" auf dem Dach des grünen Golfs auffordert, diesem zu folgen.

 

Die Reise des Konvois endet am nächsten Rastplatz, an dem Winnen und Gisbers aussteigen und den Fahrer des Audi aufsuchen. Auf Nachfrage erklärt dieser, er hätte zwei Tage Urlaub in Amsterdam gemacht. "Ob er etwas mit Drogen zu tun gehabt hätte?" "Nein!" Doch da verwundert es, dass der Drogenschnelltest, mit dem Winnen Hautberührungen mit Kokain nachweisen kann, bei dem Italiener positiv ausfällt. Die beiden Beamten beschließen, die Vernehmung auf der Dienststelle fortzuführen und einen Drogenhund hinzuzuziehen.

 

Sichergestellt: Drogen in der Creme

 

Nach und nach wird der Italiener jetzt auch gesprächiger. Bereits auf der Fahrt zur Dienststelle gibt er zu, in Amsterdam gekifft zu haben - weiter aber nichts. Als Detlev Gisbers sich dann aber in der Dienststelle seinen Koffer genau unter die Lupe nimmt, bleibt es nicht beim Kiffen. In der Cremedose und im Duschgel finden sich insgesamt 7 Gramm Haschisch und 2 Gramm Marihuana feinsäuberlich versteckt. Den Beamten scheint das aber nicht zu reichen: "Wenn einer sich schon so eine Mühe macht, das Zeug so zu verstecken, dann ist da meistens auch noch mehr zu finden", erläutert Manfred Winnen.

 

Doch der Drogenhund, der mit seiner feinen Nase das Auto vorgenommen hat, kann keine weiteren Päckchen mit unerlaubtem Rauschgift finden - nur am linken Vorderrad, da hat sich der Hund etwas lauter als normal verhalten. Schnell wird ein Schraubenzieher zur Hand genommen und die Abdeckungen des Radkastens abmontiert - doch hinter den Blenden findet sich nur Luft und kein Rauschgift. Die Zollbeamten fühlen sich geschlagen. "Am Anfang hätte ich gewettet, der sitzt am Ende zu 90 Prozent in Handschellen da", sagt Gisbers, aber außer den beiden kleinen Päckchen Haschisch und Marihuana haben sie nichts gefunden.

 

Schließlich müssen die Zollbeamten den Italiener nach Sicherstellung der Drogen und Aufnahme der Personalien fahren lassen. Am Ende ihrer Schicht bleiben für die MKG immerhin die blanken Zahlen: So wurden in diesem Jahr bis zum 26. August 2004 in 60 Fällen 66.491 Gramm Haschisch und in 174 Fällen insgesamt 94.786 Gramm Marihuana sichergestellt - die Statistik kann sich sehen lassen.

 

 

erschienen bei europa-digital am 1.9.2004

 

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