25.05.2004

Träume und Ängste auf Europas Gleisen - Von Sandra Klose und Nancy Eggeling - Magdeburger Volksstimme

- Im Eurocity Berlin-Warschau leben Polen und Deutsche täglich die Europäische Vereinigung -

 

Polen gehört seit zwei Wochen zur EU. Auf den Gleisen zwischen der deutschen und der polnischen Hauptstadt wird die europäische Einheit aber schon jahrelang gelebt. In den Zugabteilen des Eurocity Berlin-Warschau sind viele Polen und Deutsche Dauergäste. Aus Liebe, Hilfsbereitschaft oder beruflichen Gründen haben sie die deutschpolnische Grenze lange vor dem 1. Mai überwunden.

 

Izabella Wrobicka braucht Kraft, um den voll beladenen Servierwagen durch die engen Gänge des Eurocity Berlin-Warschau zu schieben. Auch am 30. April, einen Tag vor dem EU-Beitritt ihres Landes,versorgt die Polin Reisende auf der sechsstündigen Fahrt von der deutschen zur polnischen Hauptstadt mit belegten Brötchen,Getränken und Süßigkeiten. In die Plastebecher mit dem polnischen Kaffee fließt je nach Geschmack des Fahrgastes Kaffeesahne aus Mühlheim an der Ruhr. „Jedes Produkt hat zwei Preise. Gezahlt wird in Zloty oder Euro. An die Euro-Münzen und das Umrechnen habe ich mich schnell gewöhnt“, sagt Izabella Wrobicka.

 

Seit einem knappen Jahr ist sie Angestellte der Polnischen Bahn. Beginnt ihre Schicht im Eurocity, sieht sie ihre zehn und sechs Jahre alten Töchter zwei Wochen lang nicht. Der Dienstplan lässt es nicht zu. 14 Tage serviert die 32-Jährige fast ununterbrochen auf der Linie Warschau-Berlin/Berlin- Warschau. Heute hat sie nach zwei Wochen den letzten Arbeitstag und kann wie üblich für die kommenden zwei Wochen zu Hause in Lodz bleiben. Der 1. Mai ist für sie ein Tag wie jeder andere. „Ich kenne niemanden, der feiert. Aber ich denke, Polen hat in der Europäischen Union eine gute Zukunft. Wenn sich auch für mich nicht viel ändert, dann vielleicht für meine Kinder“, sagt Izabella Wrobicka, während sie zwei Bier der Marke „Zywiec“ an Anton Wasilewskij verkauft.

 

„Ich fahre einmal im Monat mit diesem Zug. Dann trinke ich polnisches Bier, denn es schmeckt mir am besten“, sagt Anton, der Weißrusse. Seine Firma mit Sitz in Minsk und in Schweinfurt fertigt und transportiert Bautechnik. Die beiden Unternehmensstandorte erreicht er über die Zugverbindung durch Polen. „Ich kann noch nicht einschätzen, ob sich die Ost-Erweiterung der EU auf mein Geschäft auswirkt. Mal sehen, wie es ab 1. Mai mit den Zollbestimmungen aussieht.Jedenfalls glaube ich nicht, dass es den zehn neuen Beitrittsländern schon bald besser geht. Ich fürchte, dass das große Europa die kleinen Länder fressen wird“, sagt der 57-Jährige.

 

 

Sein Zugabteil erster Klasse teilt er mit Thomas Ulbricht,einem Studenten aus Mainz. Der 26-Jährige sieht den Beitritt positiver: „Das ist eine Riesenchance für Polen. Und auch die Deutschen müssen keine Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Die Polen wollen ihr Land nicht verlassen, sondern dort auch weiter arbeiten und leben, aber eben etwas internationaler.“

 

 

Selbst hat er im vergangenen halben Jahr in Warschau Betriebswirtschaft studiert.Spontan entschied er sich für das Auslandssemester in der polnischen Hauptstadt. Unerwartet hoch waren die Standards an der Universität. „Die Vorlesungen und die Qualifikation der Dozenten erfüllen internationale Anforderungen. Außerdem sind die polnischen Studenten sehr motiviert und lernen viel. Meist sprechen sie mehrere Sprachen. Da müssen sich die Deutschen in Zukunft ein bisschen anstrengen, um mitzuhalten“, betont Ulbricht.

 

Den EU-Beitritt wollte er mit seinen neuen polnischen Freunden feiern. Deshalb hatte er sich ein Zugticket gekauft. Mit der Zukunft Polens als Teil der Union verbindet er verschiedene Hoffnungen. „Ich wünsche den Polen, dass es in Politik und Wirtschaft weniger chaotisch zugeht, und dass Frieden herrscht. Was die Deutschen damals in Polen gemacht haben, war nicht in Ordnung.Aber die junge Generation aus beiden Ländern wird mit dem Zusammenleben im vereinten Europa kein Problem haben“,ist er sich sicher.

 

 

Bestes Beispiel dafür ist Ewa Lipinski. Sie sitzt mit ihrem 18 Monate alten Töchterchen Domenique- Marie drei Waggons weiter in einem Großraumabteil. Vor zwei Jahren hat die gebürtige Polin ihren deutschen Freund geheiratet und lebt seitdem nicht mehr in Thorn, sondern in Berlin. „Ich bin Aerobic-Lehrerin. Mein Mann hat in Polen Sportwissenschaft studiert und kam als Praktikant zu mir. Er ist 29 Jahre alt, ich bin schon 40. Viele finden das ungewöhnlich,aber uns macht es nichts aus“, so Ewa Lipinski. Viermal im Jahr steigt sie seit der Geburt ihrer Tochter in den Eurocity, um in ihre alte Heimat zu fahren. Dort besucht sie ihren elfjährigen Sohn, der bei ihrem Mann aus erster Ehe lebt. Dass Polen nun Teil der EU ist, spielt für sie keine wesentliche Rolle: „Zur Zeit ändert sich deshalb nicht so viel.Polen hat noch keinen Euro,und meine Landsleute dürfen in den nächsten sieben Jahren nicht in Deutschland arbeiten. Auf lange Sicht wird es sich aber wirtschaftlich bestimmt für Polen lohnen.“

 

Nur eine Stunde nach dem Start in Berlin fährt der Eurocity um 13.49 Uhr vom Bahnhof Frankfurt/Oder ab. Polnische Zugbegleiter übernehmen nun die Arbeit. Das gesamte deutsche Bahn-Personal hat den Zug verlassen. Der wird ab dieser Station von einem polnischen Lokführer gesteuert. Zugestiegen sind auch Grenzkontrolleure. „Ihren Pass bitte“, verlangt ein deutscher Zollbeamter. Karolina Sidor reicht ihm ihr polnisches Dokument.„Bekomme ich jetzt den historischen letzten Stempel?“, fragt sie in akzentfreiem Deutsch. „Ja, es sei denn, sie passieren die Grenze heute noch einmal. Ab morgen reicht mir der Personalausweis“, erwidert der Zöllner.

 

Karolina Sidor aus Kielce ist 22 Jahre alt und studiert seit vier Jahren an der Berliner Humboldt-Universität Japanologie,Sinologie und Südostasien-Wissenschaften. Deutsch hat sie als Kind in der Schule gelernt, außerdem spricht sie fließend Spanisch, Französisch und Englisch. „Mit dem Studium

bin ich fast fertig. Danach will ich promovieren und würde gern in einer europäischen Firma arbeiten. Ich denke,meine Chancen sind ganz gut.Die Frage ist, ob ich zu diesem Zeitpunkt schon mit polnischem Pass in anderen europäischen Ländern arbeiten darf“, sagt sie.

 

Den Beitritt Polens zur EU finde sie klasse. Er eröffne mehr Chancen für hochqualifizierte Leute, in den europäischen Nachbarstaaten zu arbeiten. „Ich denke, vom 1. Mai an werde ich in Deutschland mit anderen Augen gesehen.Dann gelte ich nicht als Polin,sondern als EU-Bürgerin“,sagt die junge Frau.

 

Verständnis hat sie dafür,dass die Deutschen Angst vor Niedriglohn-Arbeitern aus Polen haben und nicht nachvollziehen können, warum ihr Land die wirtschaftlich schlechter gestellten Oststaaten finanziell unterstützen soll. „Das ist das Problem mit den Geberländern. Sie geben und wollen natürlich auch irgendetwas zurück. Dieser Ausgleich wird aber in den ersten Jahren unmöglich sein. Und außerdem vergessen diese Länder oft, dass auch sie Investitionen der EU eingestrichen haben. Statt über ihre Schulden zu klagen, könnten sie neue Absatzmärkte im Osten erschließen.“

 

Um 18.32 Uhr erreicht der Zug den Warschauer Zentralbahnhof.Es sind nicht viele Menschen unterwegs an diesem Vorabend des 1. Mai. Präsident Aleksander Kwasniewski hisst um Mitternacht die europäische Fahne auf dem Pilsudskiego-Platz. Zur gleichen Zeit feiern Tausende vor dem alten Königsschloss bei der Eurovisionsgala,die europaweit im Fernsehen übertragen wird.Am nächsten Morgen herrscht Katerstimmung in Polens Hauptstadt. Wenige Europabegeisterte treffen sich zu einem Fest in den Schlossgärten, während rund 2 000 Gegner des EU-Beitritts auf Warschaus Straßen demonstrieren. Einer von ihnen ist Wieslaw Kruczala. „Unsere Industrie wird daran kaputtgehen. Andere EU-Länder werden ihre Produkte hier anbieten, und unsere Produkte werden dort keinen Absatz finden“, sagt er. Neben ihm steht Lucja Olek. Sie hält ein Plakat von Hitler in den- Händen – zur Abschreckung.„Er hat auch versucht, Europa zu vereinen, und wir wissen, was dabei herausgekommen ist“, begründet die Rentnerin. Bereits am frühen Nachmittag sind die Demonstranten aus den Straßen verschwunden, in den Schlossgärten werden die Aktionsstände abgebaut. Im Zentralbahnhof fahren die Züge ein und aus, und am Morgen des 2. Mai setzt sich planmäßig der nächste Eurocity in Richtung Berlin in Bewegung.

 

An der Grenze zu Frankfurt/ Oder werden nur noch die Ausweise kontrolliert. „Ich dachte, Sie kommen ab heute gar nicht mehr“, sagt Klaus Brakman zu einem Zollbeamten.„Doch. Polen ist nicht dem Schengen-Abkommen beigetreten.Deshalb wird es noch einige Jahre lang Personenkontrollen an der Grenze geben“,antwortet der.

 

Klaus Brakman lebt in Bielefeld.Er ist Arzt und Mitgliedeines gemeinnützigen Clubs,der regelmäßig medizinische Hilfsgüter nach Polen bringt.„Ich war eingeladen, in Breslau den Beitritt zu feiern. Dort haben die Ärzte Angst, dass sich die Lebenshaltungskosten, aber nicht ihr Gehalt und das Niveau der medizinischen Versorgung an westliche Verhältnisse angleicht. Wahrscheinlich haben sie Recht. Das heißt,ich werde noch oft mit Spenden bepackt in einem Eurocity sitzen“, sagt der 60-Jährige.Polen gehört seit zwei Wochen zur EU. Auf den Gleisen zwischen der deutschen und der polnischen Hauptstadt wird die europäische Einheit aber schon jahrelang gelebt.

 

Dieser Artikel erschien im Wochenendmagazin der Volksstimme am 15.05.2004.

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