17.06.2004
Wer nicht gerade Musik hört, spielt Baskettball - von Hannah Peters
Am 1.Mai ist die Europäische Union um 10 Mitgliedsstaaten gewachsen. Zwei der neuen Länder sind Tschechien und Litauen. Doch wie lebt es sich dort eigentlich? Zwei junge Frauen erzählen.
„Eine typisch deutsche Eigenschaft? Na ja, viele hier sagen, dass die Deutschen faul wären“, sagt die 19-jährigen Migle. Doch dann überkommen sie Zweifel: “Über die Menschen in Litauen hört man schließlich auch oft, dass sie schwermütig seien und keine Lebensfreude hätten. Dabei sehen wir vielleicht höchstens auf der Straße manchmal etwas niedergeschlagen aus. Das hat aber nur mit den üblichen Problemen im Leben zu tun . In unserer Freizeit können wir auch richtig Spaß machen und uns entspannen.“
Auf der Straße, das heißt in Migles Fall in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Dort studiert sie Betriebswirtschaft. Bald möchte sie die Möglichkeiten nutzen, die ihr durch den EU-Beitritt gegeben wurden und ein oder zwei Semester im Ausland studieren, am liebsten in England. Mit diesem Wunsch ist sie in Litauen nicht allein. „Besonders junge Menschen wollen in anderen Ländern studieren oder arbeiten, um mehr Geld zu verdienen.“ Im Gegensatz zu vielen Politikern sieht Migle das nicht allzu kritisch: „ Es ist doch nur normal, dass junge Leute die neuen Chancen, die sich ihnen bieten, nutzen wollen.“
Dass vor allem die jungen Leute von dem EU-Beitritt profitieren werden, glaubt auch Marketa aus Holesov in tschechien. Die 25-Jährige selbst aber reizt das europäische Ausland im Moment nicht so sehr, da sie bei einer deutschen Firma für Kommunikationstechnik arbeitet. “Ich habe schon viele europäische Länder besucht, aber viel Neues habe ich nicht erlebt. Das Fernsehen hatte uns schon auf einiges vorbereitet. als ich das erste Mal in Österreich war, war ich allerdings sehr überrascht von der Vielfalt und Menge an Nahrungsmitteln und Klamotten“, erzählt Marketa. Sie sagt auch: „Ich fühle mich schon europäisch, zumindest viel stärker als meine Eltern und ihre Generation.“ In diesem Punkt gehen Migles und Marketas Meinungen auseinander. Migle, die Litauerin, meint, dass so etwas wie eine europäische Identität überhaupt nicht existiere.
In ein paar Jahren wird sich zeigen, wie sehr sich die Mitgliedschaft in er Europäischen Union auf die beiden Länder ausgweirkt hat. Doch wie sieht zurzeit das Leben von Migle und Marketa aus? Wie erholen sie sich von ihrem Alltag? “Hier in Holesov gehen die meisten am Wochenende auf die seltenen Rockkonzerte, in Diskos oder Pubs. Ich gehe aber lieber mit Freunden in die Umgebung zum Bersteigen“, sagt Marketa. .“ Im litauischen Vilnius sieht das Wochenende etwas abwechslungsreicher aus. „Es gibt einfach unheimlich viele Möglichkeiten wegzugehen“, schwärmt Migle, „jede Menge Clubs und Cafes, in denen fast immer Musik gespielt wird, und zehn verschiedene Theater.” Musik spielt eine wichtige Rolle im Leben der Litauer – gleich hinter Basketball. „Die meisten hier sind vollkommen verrückt nach diesem Sport“, sagt Migle. Wenn man nicht gerade Musik hört oder Basketball spielt, kann man die Hauptstraße ‚Gediminas Avenue entlangschlendern oder die alte, von der UNESCO geschützte Stadtmitte bewundern. Auch außerhalb von Vilnius hat Litauen einiges zu bieten. Migle zählt auf: “Die alte Hauptstadt Trakai, die Halbinsel Kurisu Nerija mit ihren Sanddünen oder der heilige Berg der Kreuze, der bei Siaulia liegt.”
Auch Marketa würde sich gut als Marketing- Managerin für das Land Tschechien eignen: “Es gibt viele schöne Plätze und es wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Prag ist für seine Geschichte berühmt, Pilsen für sein Bier und der Süden von Moravia für seine Weinkeller und Höhlen.“ Das regt an zu einer Reise quer durch die neuen Beitrittsländer. Denn eines der schönsten Dinge an der Europäischen Union ist doch, dass wir so viele neue Menschen kennen lernen können.
Dieser Artikel ist am 17.06.2004 in der Stuttgarter Zeitung erschienen.



Druckversion dieser Seite